Trocknet Glycerin die Haut aus? Ist es sogar schädlich? Soll ich meine Glycerincreme jetzt wegwerfen? Sind die Fragen, die ich häufig in Formen lese und die mich hin und wieder an den Rand der Verzweiflung bringen. Deshalb möchte ich versuchen, Euch hier die wichtigsten Fakten zu Glycerin und dessen Stellenwert für Kosmetik einmal zu erläutern.

 

Glycerin ( oder Glycerol) ist zunächst chemisch gesehen ein Zuckeralkohol und liegt in allen natürlichen (pflanzlichen und tierischen) Fetten wie den Triglyceriden vor. Es entsteht durch die Aufspaltung, zum Beispiel durch Enzyme. Übrig bleiben dabei freie Fettsäuren. Und das ganze passiert genau JETZT in Deiner Haut!

 

1. Glycerin ist ein natürlicher Hautbestandteil 

 

Unsere oberste Hautschicht, die Epidermis, besteht aus Hautzellen die während ihres Lebenswegs von der der Basalmembran wo sie „geboren“ werden (durch Zellteilung) an die Hautoberfläche wandern und dabei absterben. An der Oberfläche schuppen sie sich natürlich ab. Bis zur Abschuppung liegen die Zellen in einem Hydro-Lipid-Gemisch (also aus Wasser, Fett und einigen anderen Stoffen) wie Backsteine im Mörtel. In diesem Hydro-Lipoid-Film sind Fette (Triclyceride) enthalten, die durch hauteigene Enzyme, den Lipasen, in Glycerin und freie Fettsäuren zerschnippelt werden. So weit so gut. Jetzt, was macht es denn dort, bitteschön?

2. Glycerin ist ein Hydratisierer

Glycerin wirkt hygroskopisch, also wasseranziehend. Höre ich einen Aufschrei? Nicht nötig. Denn es hilft, das Wasser, also die Feuchtigkeit in der Haut zu halten. Es sei denn man mag trockene, fahle und faltige Haut, dann kann man auch gerne auf jegliche Hydratisierer verzichten 😉 Glycerin bindet Wasser in der Haut und wirkt damit dem transepidermalen Wasserverlust (TEWL) entgegen. Es ist Teil des hauteigenen Feuchthaltefaktors, auch NMF genannt für Natural Moisturizing Factor.

Jetzt will unsere Kosmetik ja sozusagen die Hautbestandteile imitieren, um die Haut zu unterstützen sich selbst zu helfen. Hier kommt nun die Frage aller Fragen: Macht es denn Sinn, bewusst auf Glycerin zu verzichten? Mit nichten! (Kurzes Pumuckel-Gedächtnis-Schweigen). Man hört ja immer, Glycerin würde austrocknen. Ja, das ist möglich, ABER erst ab einer bestimmten Konzentration. Ab einem Anteil von ca. 30% im Gesamtprodukt kann es tatsächlich vorkommen, dass Wasser aus tieferen Hautschichten angezogen wird. Das wird insbesondere dann problematisch, wenn man die Creme nachher abwaschen geht. Dann ist die Feuchtigkeit nämlich auf Nimmerwiedersehen verloren.

Ergo, bei selbst gemachter Kosmetik kann man natürlich entsprechend dosieren. Wer schon einmal eine Creme gerührt hat und wem dabei das Glycerin schon mal „ausgerutscht“ ist weiß, wie pappig sich eine Creme mit zu viel anfühlen kann. Meiner Meinung nach würde weder die konventionelle noch die Naturkosmetik eine Dosierung über 20% verwenden, denn das Endprodukt wäre einfach nicht angenehm anzuwenden. Also kann man die Frage nach dem Anteil von Glycerin in gekauften Kosmetikprodukten vernachlässigen.

Ein kleiner Tipp für alle SelbstrührerInnen, die Kombination mit Sodium PCA und Natriumlaktat (beides auch Bestandteil des NMF) wirken synergetisch mit dem Glycerin, sie unterstützen sich also gegenseitig in ihrer Wirkung. Ich selbst dosiere alle drei meist gleich hoch zwischen 1-4% und zwar in so ziemlich allen Formulierungen von Cremes über Reinigungsprodukten bis hin zu Shampoos.

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 3. Glycerin ist Glycerin ist Glycerin

Jetzt kann Glycerin ja aus vielen möglichen (und unmöglichen) Quellen stammen. Von Frittierfett, über fette Pflanzenöle, bis hin zu tierischen Fetten (oder menschlichen – Fight Club lässt grüßen) und auch als Nebenprodukt der Biodieselherstellung kann Glycerin gewonnen werden, petrochemisch oder sogar durch Gärung. Wir Selbtsrührer kaufen es als durchsichtige viskose Flüssigkeit mit einem Reinheitsgrad von 99,8%. Und jetzt kommt’s: Egal aus welcher Quelle es stammt, Glycerin 99,8% ist chemisch gesehen immer der gleiche Stoff. Ob als Frostschutz, Schmierstoff, Weichmacher und sogar in der Lebensmittelindustrie zum Feuchtkalten von Dörrobst – alles haargenau das gleiche!

4. Warum es sich trotzdem lohnt, die Herkunft von Glycerin zu kennen

Ich persönlich verwende ausschließlich vegane Inhaltsstoffe für meine Kosmetikprodukte, einfach weil ich der Meinung bin, dass es genügend fantastische pflanzliche Rohstoffe gibt und für meine Kosmetik keine Tiere leiden sollen. Also verende ich schon einmal pflanzliches Glycerin. Eigentlich fände ich es ganz prima, wenn ein für mich so wichtiger Inhaltsstoff in großen Mengen bei der Massenproduktion von einem anderen Produkt wie es bei der Biodieselherstellung tatsächlich der Fall ist sozusagen als Abfall entstehen würde. Die Industrie hatte zeitweise sogar Probleme, das ganze Glycerin aus der Biodieselherstellung zu lagern. Das wäre doch eigentlich ganz praktisch, günstig und wenn Glycerin gleich Glycerin ist ja eigentlich auch nicht verwerflich, oder? Auch hier muss ich aus ethischen Gründen passen. Zum einen werden bei der Biodieselherstellung teilweise auch tierische Fette verwendet und zum anderen sehe ich auch weitere negative Aspekte der Biodieselherstellung wie der Ausbau von Ackerflächen und damit verbundenen Brandrodungen kritisch.

Pflanzlich soll unsere Glycerin also sein, wer noch weiter gehen mag, kann ein bio-zertifiziertes Produkt verwenden. Die Bio-Diskussion werde ich hier heute nicht ausrollen. Wer jedoch reine Biokosmetik verwenden oder produzieren möchte, für den sind entsprechend zertifizierte Rohstoffe auf dem Markt erhältlich.

Darüber hinaus sind auch GMO-freie (GMO steht für genetically modified organism, also frei von gentechnisch veränderten Rohstoffen) sowie palmölfreie Qualitäten im Handel.

Fazit: Die Frage nach der Herkunft des Glycerins muss ethisch, nicht chemisch beantwortet werden.

5 Fakten zu Glycerin in Kosmetirk - gut oder schlecht? DIY Kosmetik, Naturkosmetik selber machen

5. Wie Du Glycerin in Deiner Kosmetik verarbeiten solltest

Glycerin ist in Wasser und Ethanol löslich. Daher wird es in Emulsionen oder in Reinigungsprodukten wie Shampoo und Duschgel in der Wasserphase aufgelöst. So mach ich es: die Hydratisierer in die Wasserphase einwiegen und komplett in der Fettphase (oder Fett-Tensid-Phase bei Reinigungsprodukten) homogenisieren.

Viele von Euch kennen eventuell Glycerinseife, als Rohstoffe zur „Seifenherstellung“ en block zu kaufen. Sie ist auch als Melt-and-pour Seife bekannt. Eine durchsichtige Seife, die man leicht in eine andere Form bringen, beduften oder einfärben kann. Davon halte ich allerdings……nüscht! Der Glycerinseifen-Rohstoff ist mit so viel „Schrott“ versetzt, dass ich davon im wahrsten Sinne des Wortes die Finger weg lassen würde. Wenn schon Seife, dann bitte eine ordentliche Pflanzenfett-Seife, kalt gerührt mit einer schönen Überfettung.

Eine weitere Verwendung von Glycerin in selbst gemachter Naturkosmetik ist die Herstellung von Glyceriten. Es ist möglich, Pflanzenextrakte mit Glycerin herzustellen zum Beispiel zusammen mit Alkohol und Wasser als Auszugsmedien. Tolle Sache, das!

Fazit:

Zusammenfassend möchte ich noch einmal herausstellen, wie wichtig Glycerin als natürlicher Hautbestandteil in unserer Kosmetik ist. Wer als Kosmetikhersteller mit glycerinfreien Produkten wirbt, will nur auf diesen Angst-Zug aufspringen und damit Geld verdienen. Hautphysiologisch macht das keinen Sinn. Für alle, die sich ihre Naturkosmetik selbst machen oder selber machen wollen ist Glycerin ein unverzichtbarer Rohstoff.

 

 

Und jetzt – ran an die Rührgefäße!

Liebe Grüße

Eure Martina


Martina Gräf

DIY Kosmetik verrückt, Mama von 2, Ehefrau, Kosmetikerin, Vegetarierin und unumstürzliche Optimistin :)

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