Fragt ihr euch nicht auch manchmal, ob es denn überhaupt Sinn macht sich Wirkstoff Cremes, „Nährcremes“ und Seren auf die Haut zu schmieren? Hat unsere Haut nicht extra einen Schutzmechanismus, um unser Inneres vor dem Eindringen von unterschiedlichen Substanzen zu schützen? Und kann die Kosmetikerin mit ihren Apparaten die Hautbarriere überwinden um kosmetische Wirkstoffe in tiefere Hautschichten einzuschleusen? Ich möchte mal versuchen,  Licht in das Dunkel zu bringen.

 

Was ist überhaupt die Hautbarriere?

Unsere Haut ist mit 1,5 bis 2 qm unser größtes Organ. Wie schon erwähnt ist ihre Hauptaufgabe die Schutzfunktion. Die Haut schützt uns aufgrund ihrer speziellen Anatomie und Physiologie vor chemischen (zum Beispiel Putzmittel), biologischen (zum Beispiel die Besiedelung durch körperfremde Keime) und physiologischen (zum Beispiel Stöße, UV-Licht) Einflüssen und vor Austrocknung. Darüber hinaus ist sie verantwortlich für die Regulierung der Körpertemperatur, die Pigmentierung und damit Schutz vor UV-Strahlung sowie ihren Aufgaben als Sinnes- und Stoffwechselorgan.

 

Wie schafft es unsere Haut, diesen Schutz aufzubauen?

Für Keime und Fremdstoffe, ebenso wie für Wirkstoffe, stellt unsere Haut eine fast unüberwindbare Barriere dar, die Hautbarriere. Sie hat unterschiedliche Tricks entwickelt, wie sie sich selbst schützt:

So besteht die äußerste Hautschicht aus kernlosen „toten“ Hautzellen, die wie Ziegelsteine in einer Art Mörtel aus hauteigenen Fetten fest „eingebacken“ sind. Die kernlosen Hautzellen schuppen zwar allmählich ab, aber von „innen“, also aus den tiefer liegenden Hautschichten werden immer wieder neue Babyhautzellen nachgeschoben, die fest „verkittet“ sind. Diese Ziegelsteinmauer ist so dicht, dass sie kaum ein (Wirk-)Stoff überwinden kann.

Der Säureschutzmantel und Hydro-Lipid-Film

Ihr habt bestimmt schon einmal vom so genannten „Säureschutzmantel“ der Haut gehört. Ich frage mich hin und wieder, wieso dieses Modell immer wieder kontrovers diskutiert wird, denn es liegt doch eigentlich auf der Hand. Schweißdrüsen produzieren leicht sauren Schweiß und Fettsäuren. In diesem Milieu, um einen PH-Wert irgendwo zwischen 5 und 6,5, fühlen sich zwar die eigenen Bakterien pudelwohl, Fremdkeime mögen es allerdings nicht so sauer. Ergo: Der sogenannte Säureschutzmantel der Haut schützt die Haut vor fremden Keimen. Die Besiedelung der Haut mit eigenen „gesunden“ Keimen bezeichnet man man auch als Hautflora. Hierzu noch eine kleine Kuriosität am Rande: Die jüngste Forschung hat heraus gefunden, dass unser Körper innen und außen mit allerlei Keimen besiedelt ist. Man bedenke hier beispielsweise auch die Darmflora. Und jetzt kommt’s: Nur jede vierte Zelle des menschlichen Körpers ist eine menschliche Zelle! Wir bestehen tatsächlich zu 75% aus fremden Keimen und Bakterien. Hrgh!

Auch der wasserabweisende Hydro-Lipid-Film unserer Haut aus Schweiß, Talg und Aminosäuren sorgt dafür, dass die Hautbarriere für Stoffe von außen undurchdringlich bleibt und dass die Haut nicht austrocknet.

Darüber gibt es noch eine weitere Superkaft unserer Haut. In tieferen Hautschichten liegen die sogenannten Langerhans-Zellen. Schafft es doch mal ein fremder Stoff, in unsere Haut einzudringen, so werden diese Zellen dazu angeregt, den Fremdstoff zu den Lymphknoten zu transportieren und dort „unschädlich“ zu mache. Die Haut stellt mit ihren vielfältigen Superkräften eine fast vollkommen unüberwindbare Barriere dar.


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Wie kommen dann die Wirkstoffe in die Haut?

Die Kosmetikindustrie wirbt gerne damit, wie tief die Wirkstoffe in die Haut eindringen. Die Physiologie der Haut wirkt dem allerdings genau entgegen. Während wir versuchen, die Wirkstoffe von außen nach innen einzubringen, erfolgt der Nachschub an immer neuen Hautzellen von innen nach außen. Auch Schweiß und Talg werden von innen nach außen abgegeben.

Tatsächlich kommen die meisten Pflegeprodukte nur bis in die Hornschicht. Das ist die äußerste Schicht der Epidermis. Es ist auf jeden Fall möglich, in diesem Bereich die Haut zu pflegen, zu schützen und zu stärken. Insbesondere das Einbringen von Feuchtigkeit ist hier sehr gut möglich, zum Beispiel durch entsprechende Feuchtigkeitscremes. So kann der wichtige Hydro-Lipid-Film gestärkt werden. Eine gut durchfeuchtete Haut ist um ein vielfaches aufnahmefähiger für Wirkstoffe als eine trockene Haut. Durch Bedampfung mit Wasserdampf kann man das die Aufnahmefähigkeit für Wirkstoffe beispielsweise um 5 bis 10 fach vergrößern. Durch die Quellung der oberen Hautschichten werden die Verindungsstellen zwischen den Hornzellen gelockert und Wirkstoffe können tiefer eindringen.

Das gleiche Prinzip gilt bei einer Maskenbehandlung. Im Gegensatz zur feucht bleibenden Packung wird eine Maske zwar feucht aufgetragen, trocknet dann aber an. Sie wird dadurch wasserundurchlässig und verursacht eine Quellung in der Epidermis. Die Haut kann das verdunstende Wasser nicht mehr abgeben kann. Eine wunderbare Vorbereitung zum Einbringen von Wirkstoffen in die Haut. In der kosmetischen Praxis werden die Begriffe Maske und Packung meist nicht korrekt verwendet und auch Packungen werden als Masken bezeichnet.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die festen Verbindungen zwischen den Hornzellen zu lösen indem keratolytische, also hornlösende Produkte verwendet werden. Auch so können die Wirkstoffe tiefer eindringen. Ein Beispiel wäre ein Fruchtsäurepeeling oder eine enzymatisches Peeling.

Auch ein mechanisches Peeling beispielsweise vor einer Serenbehandlung angewandt ist für die spätere Wirkstoffaufnahme vorteilhaft, da dünnere Haut aufnahmefähiger ist.

Ebenso können Massagen und Lymphdrainagen für eine verbesserte Aufnahme von Wirkstoffen in die Haut sorgen, weshalb die Gesichtsmassage auch als Königsdisziplin der Kosmetikerin.

Wie bringt die Kosmetikerin Wirkstoffe in die Haut?

Die Kosmetikindustrie kommt zwar immer recht innovativ herüber, allerdings sind es meist die alten Schuhe in neuem Glanz. Gut, wir Kunden wollen ja auch immer die neueste Technik, den neuesten Schrei und ein wissenschaftlicher Durchbruch darf niemals an uns vorübergehen! Und die Industrie liefert.

Ich habe im Rahmen meiner Recherche zu diesem Blogpost einmal die Webseite eines sehr innovativen Instituts bei mir im Ort besucht. Dort werden neben 11 klassischen auch 12 intensive Behandlungen mit so wohlklingenden Namen wie „Pora Pura Exploring Lifting“, „XO CELL PLASMA STREAMING“, „Oxylaron Four Phase Therapie“. Fragt Ihr Euch auch gerade, was die Marketing Manager bei der Namensfindung geraucht haben???

Meist handelt es sich bei den Möglichkeiten der Kosmetikerin um eine der folgenden Behandlungen oder entsprechende Abwandlungen. Man muss diese nur immer wieder neu kombinieren oder benennen und schon glauben wir Kunden, es gäbe mehrmals im Jahr neue kosmetische Erkenntnisse oder Verfahren:

Iontophorese

Bei der Iontophorese wird der Hautwiderstand mittels leichtem Gleichstrom herabgesetzt, wodurch pflegende Wirkstoffe tiefer in die Haut eindringen können. Die Wirkstoffe werden meist in Form einer „Ampulle“ , also als hoch konzentriertes Wirkstoffpräparat auf die Haut aufgetragen. Die Wirkstoffe müssen jedoch ionisiert, also mit einer positiven oder negativen Ladung versehen sein. Dann legt die Kosmetikerin eine Gegenelektrode und eine Arbeitselektrode auf die Haut, diese sind mit einem feuchten Vlies umhüllt und schaltet das Gerät ein. Die Behandlung dauert einige Minuten, wobei die Arbeitselektrode auf der Haut bewegt wird. Die Kundin spürt nur ein leichtes kribbeln.

Ultraschallbehandlung

Eine Ultraschallbehandlung zur Einschleusung kosmetischer Wirkstoffe ist auch möglich. Dabei werden mittels Schallwellen die Zellen der Hornschicht sozusagen auseinander geschoben, sodass die Wirkstoffe tiefer eindringen können.

Behandlung mit Druckluft

Eine ähnliche Wirkung erzielt die Behandlung mit Druckluft. Auch hier werden die Zellen ein wenig auseinander geschoben, um die Wirkstoffe tiefer in die Epidermis zu transportieren. Hier wird oft auch mit Oxigen- oder Sauerstoffbehandlung geworben, wobei in der Druckluft so viel Sauerstoff vorhanden ist wie in der normalen Umgebungsluft….

Microneedeling

Microdeedeling ist ja gerade super angesagt. Dabei wird mit kleinen Nadeln in die Haut gestochen. Dass durch ein Sieb mehr durch kommt als durch eine Schüssel dürfte jedem klar sein 😉  Im Handel sind diverse so genannte Dermoroller im Angebot. Die Kosmetikerin darf etwas tiefer in die Haut eindringen und macht dies mit einem Nadelstift. Das Schöne: Durch die Hautverletzungen soll die Kollagenbildung der Haut angeregt werden unddies dadurch die Haut straffen. Bevor ihr jetzt gleich das Fenster zum nächsten Online-Shop öffnet, lasst Euch folgendes gesagt sein: Die Gefahr, so Keime in tiefere Hautschichten zu bringen ist immens! Die Gründe: Ihr habt schon (Flug-)Keime auf der Haut, die auf keinen Fall weiter rein sollten, aber durch die Nadeln in tiefere Schichten transportiert werden können. Die Nadeln sind nicht steril, das Kosmetikprodukt ist verkeimt, oder die Hände, die das Produkt aufbringen. Ihr merkt, von der Anwendung am heimischen Waschbecken halte ich nicht viel. Die Kosmetikerin hat da ganz andere Möglichkeiten.

Die genannten Methoden können schon gewisse Erfolge erzielen. Besser ist es natürlich immer, die Anwendungen regelmäßig durchzuführen, um einen sichtbaren und nachhaltigen Effekt zu erzielen. Zusammenfassend muss man sagen, die Kosmetik (sowohl die Produkte als auch die Dienstleistung) darf nur in den äußeren Hautschichten „arbeiten“. Eine Beeinflussung des gesamten Organismus ist den Ärzten vorbehalten.  Wir können zwar Wirkstoffe in Hornzellenschicht einbringen, die Hauptvoraussetzung ist jedoch eine gut durchfeuchtete Haut. „Ernährt“ wird die Haut sowieso von innen über die Blutbahnen. Wir können lediglich für eine gesteigerte Durchblutung und eine gute Kost durch ausgewogene, vitalstoffreiche Ernährung sorgen. Wer sich also allgemein um seine Hautgesundheit kümmert, und dazu gehört nun mal auch der Rest, der so an der Haut dran hängt, erreicht am meisten. Dazu gehört aber neben der Physis auch die Psyche. Wer viele Raucht und ständig Stress hat, kann auch mit wöchentlicher Iontophorese nicht viel erreichen. Und unterm Strich ist es doch auch eine Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis. Wie viel kann ich tatsächlich mit Kosmetikbehandlungen und den eingesetzten Wirkstoffen erreichen und zu welchem Einsatz an Kosten, Zeit und Nerven? Diese Frage darf sich jeder selbst beantworten.

Viel Erfolg beim Projekt gesunde Haut!

Liebe Grüße

Eure Martina

Durchdringen Wirkstoffe die Haut?


Martina Gräf

DIY Kosmetik verrückt, Mama von 2, Ehefrau, Kosmetikerin, Vegetarierin und unumstürzliche Optimistin :)

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